Tag 104: Freitag, 26. Juni 2020

Hopp oder Top

In greifbare Nähe ist sie gerückt, die Urlaubszeit. Die einen werden in diesen Tagen ganz bewusst zu Hause bleiben, die anderen ganz bewusst wegfahren. Eine Gut-Tu-Geschichte heute für beide:

 

»Da stehst du nun«, sagt der Wanderer zum Baum. »Du bist zwar groß und stark, aber was hast Du schon vom Leben? Kommst nirgendwo hin. Kennst den Fluss nicht und die Dörfer hinterm Berg. Immer an derselben Stelle. Du kannst einem leidtun!« Er packt sein Bündel und geht los. »Da gehst du nun«, ruft ihm der Baum nach. »Immer bist du unterwegs. Hast du keinen Platz, an den du gehörst? Du kannst einem leidtun!« Der Wanderer bleibt stehen. »Warum? Ich geh in die Welt. Tag für Tag sehe und erlebe ich viel.« »Zu mir kommt die Welt«, erwidert der Baum. »Der Wind und der Regen, die Eichhörnchen und die Vögel. Und in der Nacht setzt sich der Mond auf meine Zweige.« »Ja, ja«, sagt der Wanderer, »aber das Gefühl zu gehen – Schritt für Schritt.« »Mag schon sein«, sagt der Baum, »aber das Gefühl zu bleiben, fest verwurzelt – Tag und Nacht.« »Bleiben«, sagt der Wanderer nachdenklich. »Zu Hause sein. Ach ja.« Und der Baum seufzt: »Gehen, unterwegs sein können – ach ja! Wenn wir tauschen könnten«, sagt der Baum. »Für eine Weile.« »Ja«, antwortet der Wanderer, »das wäre schön.« »Lass uns Freunde sein«, meint der Baum. Der Wanderer nickt. »Ich werde wiederkommen«, verspricht er, »und ich werd´ dir vom Gehen erzählen.« »Und ich«, antwortet der Baum, »ich erzähle dir dann vom Bleiben.«

Pfarrerin Eva Weißmann, Godramstein