Tag 201: Donnerstag, 1. Oktober 2020

Typisch Kirche?

Am letzten Wochenende war es soweit: Da hab´ ich ihn erblickt, den ersten Nikolaus der Saison. In einen Mantel aus bunter Folie gehüllt stand er da im Regal eines Supermarktes in Begleitung von Mandel-Spekulatius und Lebkuchenherzen.

Während ein paar Reihen weiter grelle Schilder darauf hingewiesen haben, dass die Bademoden nochmal reduziert worden sind, lachten wir uns an, der Nikolaus und ich. „Trotz Corona schon so früh aus dem Urlaub zurück?“, flüsterte ich, und beschloss meinerseits mit dem Advent auf jeden Fall noch zu warten. Denn es geht doch nichts darüber, in der Woche vorm 1. Advent einen Kranz zu binden, in der Nacht auf diesen Sonntag alles zu schmücken und dann erst Plätzchen zu naschen. Wer trinkt schon neuen Wein im Juni?

„Alles hat seine Zeit“ – so heißt eine Initiative der EKD. Darin wird dazu aufgerufen, der Vermarktung von Weihnachten vor der Zeit ein Schnippchen zu schlagen. Schließlich können September, Oktober und November auch so schöne und wichtige Monate sein, ohne dass wir sie vorweihnachtlich begehen müssten. Gerade bei uns sind sie ja besonders durch die Ernte und den Herbst geprägt. Und der November mit seinen stillen Tagen ist eine Zeit, in der auch die schweren Seiten des Lebens zur Sprache kommen dürfen. Innenstädte voller Weihnachtsdekoration schon vor dem Toten- und Ewigkeitssonntag, daran will ich mich einfach nicht gewöhnen. Typisch Kirche? Vielleicht. Für ein gutes Stück Stollen (insbesondere den meiner Mutter) und das Weihnachtsoratorium kann ich mich jedenfalls durchaus begeistern lassen. Aber Zwiwwelkuche, Dickie Supp oder Das Deutsche Requiem sind auch nicht zu verachten. Alles eben zu seiner Zeit! Darum mein Tipp: Lassen wir den Nikolaus noch ein bisschen in seiner alljährlichen Quarantäne!

Pfarrerin Eva Weißmann, Godramstein