Tag 215: Donnerstag, 15. Oktober 2020

Die Schatz-Frage in der Palliativstation

Tag 215 Schatzfrage

Einmal die Woche darf ich beim Seelsorger in der Palliativstation hospitieren. Ein multiprofessionelles Team von Ärzt*innen, Pflegekräften, Psychologin, Physiotherapeutin, Sozialarbeiterin und Ehrenamtlichen bespricht den Verlauf der Krankheit der Patient*innen auf der Station: Wer ist bei uns? Was liegt vor? Was wird gebraucht?

Ich bewundere, dass dabei nicht nur der Körper eine Rolle spielt, sondern auch die Gefühle der Patient*innen, die Stimmungen, die Interessen, auch das soziale Umfeld. Vor allem die vorhandene oder oft leider nicht vorhandene Zuwendung der Familie nimmt einen großen Platz in der Teamsitzung ein. Ist jemand für die Patient*innen in den letzten Tagen da oder nicht? Ist die Beziehung vertrauensvoll und innig? Wie wirkt sich das auf den Patienten aus? Kann er oder sie in Frieden von der Familie Abschied nehmen? Oder sind noch zu viele Konflikte zu lösen?


Diesen letzten Fragen, die zum Ende unseres Lebens eine solch große Rolle spielen, widmen wir im Verlauf der Jahre so wenig Zeit, geben ihnen so wenig Gewicht, denke ich mir. Oft scheint die Familie für einige von uns so selbstverständlich zu sein. Und die nötige Zeit für Kinder und Partner oder Partnerin, um mehr zu lachen, mehr gemeinsam zu erleben oder einfach rumzuhängen, ist nicht selten knapp. Sie kommt uns manchmal sogar wie ein Hindernis vor, in der Fülle von Aufgaben, die wir bei der Arbeit oder im Haushalt bewältigen müssen.
Die Palliativstation stellt mich jede Woche neu vor die Frage: Was ist eigentlich mein Schatz? Wo steckt gerade mein Herz? Die Antwort lautet allzu oft: Mein Schatz ist meine Familie und mein Herz steckt leider gerade wieder allein bei der Arbeit. Das möchte ich ändern. Als Erinnerung werde ich mir dieses Herz ausdrucken und an den Kühlschrank kleben.


Und wie würde Ihre Antwort lauten? Brauchen Sie, wie ich, auch eine Erinnerung?

Vikarin Almendra Garcia de Reuter, Godramstein