Tag 263: Mittwoch, 2. Dezember 2020

40 Wörter

Tag 263 40Wörter

„Papa, es hat geschneit!“ Meine Kinder freuen sich. Der Schnee ist für sie wie ein Geschenk des Himmels – der Tag ist allein deswegen etwas Besonderes. Es heißt, die Eskimos, die Inuit, haben mindestens 40 Wörter für Schnee. Wir im Deutschen dagegen nur eins. Klingt logisch, denn die Inuit sind die meiste Zeit von Schnee umgeben – das prägt anscheinend auch ihre Sprache.

 

Wobei: Die Inuit haben genau genommen nur zwei echte Wörter für Schnee: „aput“ für liegenden Schnee – und „qanik“ für fallenden Schnee. (Es gibt wissenschaftlich betrachtet nur diese zwei Wortstämme). Darüber hinaus ist aber die Sprache der Inuit voll von Schnee. Wenn sie zum Beispiel von „Hausbaumaterial“ sprechen, dann meinen sie damit Schnee – nämlich die Art von Schnee, die sich dafür eignet, Iglus zu bauen. Schnee wird bei allem mitgedacht, weil er immer präsent ist – und darum verbirgt er sich in vielen Wörtern. So gesehen haben die Inuit nicht nur zwei, nicht 40, sondern unendlich viele Wörter für Schnee.
Wir im Deutschen haben für Schnee nur ein Wort. Aber für meine Kinder ist natürlich Schnee nicht gleich Schnee. Der erste Schnee im Jahr ist der „Papa-es-hat-geschneit!“-Schnee. Dann gibt es noch den Schneemannbaumaterial-Schnee und den Schlittenfahr-Schnee. Und unendlich viele mehr.


So wie bei „Gott“: Wir im Deutschen haben genau ein Wort für Gott. Die Bibel kennt noch viel mehr, mindestens 40. Aber auch im „Papa-es-hat-geschneit!“-Schnee verbirgt sich Gott. Und im Schneemannbaumaterial-Schnee und im Schlittenfahr-Schnee. Denn Schnee ist ja ein Geschenk des Himmels, oder? Und welche Worte fallen euch heute ein … für Gott?

Pfarrer Stefan Mendling, Annweiler