Tag 272: Freitag, 11. Dezember 2020

Eine wirklich gute halbe Stunde

272 puzzleDer Advent ist wie ein Puzzle. Es gibt Dinge, die einfach dazugehören: der Adventskalender, der Adventskranz, eine Adventsgeschichte, die wir im Advent Stück für Stück unseren Kindern vorlesen. Dazu gibt es Plätzchen. Manchmal basteln wir auch. Es ist jeden Tag eine gute halbe Stunde, die wir uns dafür reserviert haben (komme, was wolle). Zeit, die wir sonst im Nicht-Advent anders füllen. Besser gesagt: Sie ist normalerweise schon anders gefüllt. Irgendwas ist immer. Etwas fällt darum bewusst weg, wenn wir Advent feiern: eine E-Mail, die erst morgen beantwortet wird. Eine Videokonferenz, die abgekürzt wird, Hausarbeit, die warten kann… Alle weiteren Aufgaben verschieben sich. Prioritäten verschieben sich.

 

Aber es passiert noch mehr: Die gute halbe Stunde, die ich mir bewusst nehme, verändert meinen Blick auf den ganzen Tag. Diese Zeit am Tag erinnert mich an ein Puzzleteil, das mir so oft fehlt: Manche nennen es „Muße“. Ich tue auf einmal etwas – einfach so; nicht, weil ich es muss, nicht weil es jemand von mir erwartet, nicht weil ich damit etwas erledige. Es ist eine gute halbe Stunde, die einfach guttut. Mehr will dieses Puzzleteil gar nicht – wirklich guttun. Und ich weiß jetzt schon – es wird mir wieder fehlen, wenn der Nicht-Advent wieder da ist. Dann werden die Prioritäten wieder anders gesetzt. Aber: Wieso eigentlich? Wieso verzichte ich bald wieder auf diese gute halbe Stunde, wenn sie doch so guttut? Was fällt euch ein – damit Advent und Nicht-Advent guttun? Wo habt ihr wieder Zeit für Muße?

Pfarrer Stefan Mendling, Annweiler