Tag 273: Samstag, 12. Dezember 2020

Ohne Moos nichts los

Als ich Kind war, wurde eine riesige Krippenlandschaft im Haus meines Opas aufgestellt. Zu der Heiligen Familie gesellten sich alle anderen möglichen Figuren, z.B. die Päpstliche Schweizergarde, Käse- und Milchbäuerinnen, Schwäne aus Kristall, Teddybären aus Porzellan und jede Menge Hühner aus Plastik.

 

Unser Jesuskind war alles andere als bescheiden. Seine Garderobe wurde Jahr für Jahr von Nonnen passgenau geschneidert. Samtkleider in allen liturgischen Farben sowie Silber- und Goldaccessoires gehörten dazu. Es war wundervoll für mich als Kind diese Krippe zu sehen – sie zu riechen war aber fast noch schöner. Der Geruch der bunten Figuren aus allen Materialien mischte sich mit Moosgeruch und breitete sich im ganzen Haus aus. „Moos gehört zu einer rustikalen Krippe einfach dazu“, pflegte meine Großtante uns Kindern zu sagen.

Ob man die Krippe im Haus meines Opas als rustikal bezeichnen kann, wage ich aus heutiger Sicht zu bezweifeln. Eher als Kitschkunst. Aber eines steht für mich fest: Moos darf echt nicht fehlen. Neulich las ich, dass diese uralte Pflanze gut in eine Krippe passt, weil sie von Anfang an das Leben auf der Erde begleitete. Diesen Gedanken finde ich schön.

Als einzige Hüterin der Krippentradition ist heute meine Großcousine geblieben. Aus gesundheitlichen Gründen hat sie die ehemals überbordende Krippenlandschaft auf ein paar wenige Figuren reduziert. Was aber wird mit der Tradition passieren, wenn meine Großcousine nicht mehr da ist? Vielleicht geht es Ihnen ähnlich wie mir. Vielleicht werden auch Sie melancholisch, wenn Sie an die eigenen Familientraditionen zurückdenken – an Traditionen, die in Gefahr geraten, da unsere Liebsten immer älter werden oder erkranken.

Da könnte uns der Blick auf das Moos helfen. Moos schaltet zwar auf „Sparflamme“, wenn es zu trocken ist. Sobald aber Wasser vom Himmel fällt, erwacht es wieder – vielleicht in anderer Form – zu neuem Leben. Das wünsche ich mir für meine und Ihre guten Familientraditionen. Und wir dürfen dabei auf das Wasser hoffen, dass uns und unsere Lieben wieder zu neuem Leben erwachen lässt.

Vikarin Almendra García de Reuter, Landau/Godramstein