Tag 326: Mittwoch, 3. Februar 2021

Eines meiner Probleme

Als Kind musste ich gehen, obwohl ich Angst hatte. Als Jugendlicher verweigerte ich mich, rundum. Als Erwachsener gehe ich wieder regelmäßig, obwohl ich nichts mehr zu bieten habe.

Ich spreche vom Besuch im Friseursalon meines Vertrauens. Nie hätte ich gedacht, dass man mit so wenig Haaren so „struwwelich“ sein kann. Ich fühle mich unwohl. Traue mich nicht, selbst Hand anzulegen. Das geht garantiert schief, wenn nicht sogar ins Auge.

Ich muss mich aushalten. Es ist ja nur vorübergehend. Und wir verwildern schließlich alle. Unsere Frisuren, so verschieden sie einmal waren, werden zunehmend zum sympathischen Ausdruck unserer gesellschaftlichen Zusammengehörigkeit.

Natürlich gibt es Strategien, um die Zeit ohne Friseursalon zu überleben: Mützen und Stirnbänder können vorübergehend vertuschen. Tönung aus dem Drogeriemarkt kann in laienhaftem Selbstversuch aufgetragen werden, dann stimmt wenigstens die Farbe. Wir können die Krise zur Chance machen für die grauen Haare, die ja auch zu uns gehören. Oder wir wählen den radikalen Weg…

Ich bin nicht Simson (Richterbuch, Kapitel 13 – 16). Meine Kraft wird wiederkommen, wenn die Haare weg sind. Dazu werde ich aufrecht in den Friseurladen gehen. Mit Weihnachtsgefühlen. Und werde den Friseuren und Friseurinnen – wenn es dann noch möglich ist – zurufen: „Schön, euch zu sehen!“

Pfarrer Lothar Schwarz, Rhodt