Tag 338: Montag, 15. Februar 2021

Nomen est omen

Tag 338 Nomen

Wo Rosen draufstehen, sollten auch Rosen drin sein, dachte ich mir, wenn schon so vieles andere, was heute eigentlich auf der Tagesordnung stünde, nicht drin sein kann. Wo der Name Rosenmontag herkommt, lässt sich gar nicht eindeutig sagen: Er könnte auf das Mittelhochdeutsche und damit den „rasenden (wilden) Montag“ zurückgehen oder meint den sogenannten „Rosensonntag“ an Laetare, an dem der Papst eine Goldene Rose zu weihen pflegte und einer verdienten Persönlichkeit übergab. Vielleicht wurden Sie gestern ja „mit Rosen bedacht“?

Ich hätte heute eine Rosengeschichte für Sie: In der Zeit seines Pariser Aufenthaltes soll Rainer Maria Rilke regelmäßig an einer Bettlerin vorbeigekommen sein. Er gab nie etwas, seine französische Begleiterin warf häufig ein Geldstück hin. Eines Tages fragte diese, warum er nichts gebe. Rilke antworte: „Wir müssen ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand.“ Wenige Tage später brachte er eine eben aufgeblühte Rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte Hand und wollte weitergehen. Da geschah das Unerwartete: Die Bettlerin blickte auf, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küsste sie und ging mit der Rose davon. Eine Woche lang war sie verschwunden. Nach acht Tagen saß sie plötzlich wieder an der gewohnten Stelle. Sie war stumm wie eh, wiederum nur ihre Bedürftigkeit zeigend durch die ausgestreckte Hand. „Aber wovon hat sie denn die ganze Zeit gelebt?“ fragte die Französin. Rilke antwortete: „Von der Rose.“

Pfarrerin Eva Weißmann, Godramstein