Tag 342: Freitag, 19. Februar 2021

Die zwei Seiten einer Medaille

Tag 342 Winterwald

Wir waren wandern. Der Dimbacher Bundsandstein-Höhenweg stand auf dem Programm. Ein Premium- Wanderweg, dessen Name mich hätte warnen müssen. Gleich nach dem Start ging es kompromisslos bergauf. Ohne Vorwarnung kam ich außer Puste. Hechelte meiner Frau hinterher, wie immer, wenn wir uns bewegen. Ob zu Fuß, mit dem Rad und auch beim Autofahren – sie ist immer vorne. Ich grübelte darüber, wie schnell man (also ich!) im Alter seine Kondition verliert. Ich ärgerte mich, weil ich es wieder soweit hatte kommen lassen mit den unnötigen und peinlichen Pfunden. Ich trauerte meiner Trittsicherheit nach, die allerdings nie so richtig im Leben dagewesen ist. Ich hörte in mich hinein und überlegte, ob mein Puls überhaupt noch messbar sei. Ich sah mich alle paar hundert Meter ausrutschen auf einer tückischen Eisfläche. Und ab und zu meldete sich meine verzweifelte Lust auf Dubbeglas und Rieslingschorle und ich bedauerte mich noch mehr, weil beide nicht möglich waren.


Ich will es kurz machen. Nach über drei Stunden war der Rundweg beendet. Und die Fotos, die ich aufgenommen habe, zeigen eine betörend schöne Winterlandschaft. Herrliche Felsformationen, lehrreiche Hinweistafeln an markanten Punkten. Glitzernder Schnee im Gegenlicht. Großartige Rundblicke über eine der schönsten Landschaften der Welt. Und da war noch viel mehr: Die Ruhe im Wald. Das so selten gewordene Knirschen im Schnee. Klare Luft zum Durchatmen. Die ersten Vogelstimmen, die den Frühling andeuten …


Der Muskelkater am nächsten Tag hat mich an eine wunderbare Wanderung erinnert.Bei der nächsten Tour konzentriere ich mich gleich auf die schönen Seiten. Ich werde genießen. Auch ohne Rieslingschorle werde ich mich daran erinnern, dass das Glas immer halbvoll ist. Mindestens.

Pfarrer Lothar Schwarz, Rhodt