Tag 351: Sonntag, 28. Februar 2021

Lockdownmüde?

Tag 351 Lockdownmüde

Erinnert ihr euch? Vor gut einem Jahr haben wir Steine angemalt, abends applaudiert oder auf dem Balkon gesungen. Das erste Mal Homeschooling, die erste Videokonferenz. Wir haben Regenbogen angemalt und gesagt: „Alles wird gut“. Es fühlte sich alles so neu an – und ich fühlte mich unsicher. Jetzt ,ein Jahr später, wissen wir so viel mehr über das Virus und haben Impfstoffe - wer hätte vor einem Jahr geglaubt, dass wir in so kurzerZeit drei Impfstoffe haben? Und dennoch habe ich diese Woche wieder ein neues Wort gelernt: „lockdownmüde“. Die Menschen seien lockdownmüde. Nach dem Motto: Jetzt muss es doch mal gut sein! Nicht mehr bereit, auf so vieles zu verzichten. Aber auch müde im Sinne von kraftlos, antriebslos, zerknirscht.

Ehrlich gesagt: Ich spüre es auch manchmal, eine Prise Lockdownmüdigkeit. Und was machen meine Kinder? Sie sammeln Steine und malen. Sie erinnern sich: „Das haben wir auch letztes Jahr gemacht. Das war schön.“ Die bunten Steine, die wir jetzt wieder im Garten haben, sind für mich wie Denkmale: Denk mal dran, was alles in einem Jahr passiert ist. Wieviel Gutes dabei entstanden ist, weil Menschen daran geglaubt haben, dass alles gut wird. Bunte Steine, die mich daran erinnern, dass es auf die Perspektive ankommt. Entweder ich sehe ein Jahr voller grauer Steine, die im Weg liegen – oder ein Jahr voller besonderer Momente, viele bunte Steine, die am Weg lagen. In der Bibel steht: „Gott gibt den Müden Kraft.“ (Jesaja 40,29). Vielleicht gerade durch Menschen, die nicht müde werden, an das Gute zu glauben – und Steine bemalen. Erinnert ihr euch?

Pfarrer Stefan Mendling, Annweiler