Tag 382: Mittwoch, 31. März 2021

Zerrissenheit

Tag 382 Zerrissenheit

Draußen scheint die Frühlingssonne, die Natur erwacht – ich bereite die Karfreitagspredigt vor und denke an den Tod Jesu. Draußen zwitschern die Vögel unter dem blauen Himmel – ich denke an die Schreie der Menschen, die um ihre Freiheit kämpfen, in Myanmar, in Hongkong oder in Prokow, wo Alexej Nawalny einsitzt. Beides ist real, wirklich, wahr. Das Schöne und das Schwere, die Freude und die Trauer, das Lachen und das Weinen.


Manchmal gelingt es mir, beides anzunehmen. Wenn ich Trauernden Mut zusprechen darf. Wenn ich zu mir stehen kann, trotz meiner Fehler und Schwächen. Manchmal leide ich unter der Zerrissenheit des Lebens. Ich bedauere dann, dass Glück zerbricht, dass Zufriedenheit kippt und Gesundheit endet. Selten sehe ich es umgekehrt: Menschen werden wieder gesund, sie versöhnen sich nach langem Streit, sie wachsen über sich hinaus.


Das Kreuz Jesu ist für mich schlechthin das Symbol für die Zerrissenheit des Lebens. Ein Mensch stirbt, scheitert, schreit. Und gleichzeitig sind da Nähe, Gemeinschaft und Hoffnung. Jesus bringt es auf den Punkt: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ und „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände“. Da hat einer die Zerrissenheit des Lebens ausgehalten. Und hat sie gleichzeitig für uns alle überwunden.

Pfarrer Lothar Schwarz, Rhodt