Tag 455: Samstag, 12. Juni 2021

Der Riesenrad-Effekt

455 riesenradEs geht wieder rund! Wenn ich mit meinen Kindern Riesenrad fahre, dann sehen wir, wie die Welt unter uns immer kleiner wird. Und je höher wir kommen, desto mehr spüre ich meine Höhenangst. Meine Kinder sind genau das Gegenteil: nicht höhenängstlich, sondern höhensüchtig. Sie genießen es, wenn die Welt unter ihnen kleiner und kleiner wird. Normalerweise sind sie ja die Kleinen in einer großen Welt. Im Riesenrad sieht die Welt für sie anders aus: Die Erwachsenen, die in der Stadt herumlaufen, sehen für sie aus wie Ameisen. Überhaupt: Die ganze Welt sieht aus wie ein großes Wimmelbuch. Meine Kinder können sich von da oben gar nicht satt sehen.

Und obwohl ich Höhenangst habe, genieße auch ich die Fahrt im Riesenrad. Mein Trick: ich sehe nicht nach unten, sondern lasse meinen Blick am Horizont schweifen. Und was mir sonst groß und wichtig erscheint, wirkt auf einmal klein und unbedeutend. Die Fahrt im Riesenrad verändert meinen Blick auf die Welt. Das ist der Riesenrad-Effekt!

Dasselbe macht übrigens Jesus mit seinen Jüngern: Er zeigt ihnen die Aussicht auf Gottes Welt – und ihnen wird wahrscheinlich schwindelig bei dem Gedanken, dass zum Beispiel die Kleinsten für Gott das Größte sind, und den Kindern das Himmelreich gehört. Jesus fährt quasi mit seinen Jüngern Riesenrad: Er zeigt ihnen, wie die Welt von oben aussieht, aus der Perspektive Gottes. Die Jünger haben vielleicht auch Höhenangst, weil sie nach unten sehen, festhalten wollen an ihrem alten Weltbild, darin nach Anhaltspunkten suchen, nach Argumenten, nach Standpunkten, die ihnen vertraut sind. Ich kenne diese Höhenangst. Doch ich weiß: sobald meine Augen den Horizont berühren, verändert das mein Weltbild - und aus Höhenangst wird kindliche Höhensehnsucht – das ist der Riesenrad-Effekt. Und ich kann mich gar nicht daran satt sehen!

Pfarrer Stefan Mendling, Annweiler