Tag 463: Sonntag, 20. Juni 2021

Ein Regenwurm rettet Leben

Tag 463 Regenwurm

Besser gesagt: mehrere, von Hand ausgegrabene Regenwürmer. Unser Amselchen sperrt den Schnabel auf und piept aufgeregt. Es ist aus dem Nest gefallen und mutterseelenallein. Wir finden das Amselchen auf dem Nachhauseweg. Das einzige, was es kann, ist Piepen und den Schnabel aufsperren. Das tut es, um mit dem versorgt zu werden, was es fürs Überleben braucht. Und wenn es den Schnabel aufsperrt, ist es von oben gesehen nur noch Schnabel! Sehr beeindruckend: Ich wusste gar nicht, wie weit Vögel den Schnabel aufreißen können! Und das macht es mit einer Energie und einem Eifer, dass wir nicht anders können als ihm bei uns zuhause ein neues Nest zu geben. Und wir graben unseren Garten nach Regenwürmern um – vor allem die Kinder!

Übrigens: Hinter dem hebräischen Wort für Seele, „Näfäsch“, steckt genau dieses Bild des Vogels, der den Schnabel aufsperrt – wie unser Amselchen. „Näfäsch“ ist gleichzeitig auch der Lebensatem, den uns Gott in seinem Garten einhaucht - so wie wir der Amsel die Regenwürmer aus unserem Garten von oben in den Schnabel füttern. Offenbar meint die Bibel, dass es uns Menschen auch guttut, den Schnabel aufzusperren, also die Seele - so weit, wie es das Amselchen kann! Um mit dem versorgt zu werden, was wir zum Leben brauchen: Lebendigkeit, die von Gott kommt. Und der Sonntag ist so etwas wie der „Schnabel-Auf-Tag“ für die Seele… Vielleicht auch, um mit Gott zu reden wie uns der Schnabel gewachsen ist. Versucht’s mal!

PS: Der Amsel geht es gut, wir haben mittlerweile eine Pflegemutter für sie in Queichhambach gefunden – und die Kinder werden sie bestimmt immer mal besuchen – und einen fetten Regenwurm aus unserem Garten mitbringen!

Pfarrer Stefan Mendling, Annweiler