Tag 471: Montag, 28. Juni 2021

Graffiti

471 GraffitiUnser Sohn liebt Graffiti. Er hat sich selbst schon als Sprayer betätigt. Auf genehmigten Flächen in Freiburg. „Legal“ ist zwar in der Branche verpönt, aber bei den Eltern war nichts Anderes drin.

Gut dreißig Kilometer westlich von Freiburg liegt das elsässische Neuf-Brisach. In den Festungsanlagen von Vauban (UNESCO-Weltkulturerbe seit 2008) ist das Musée Arts Urbains et du Street Art (kurz: Mausa) untergebracht. Beim Besuch der unterirdischen Gänge erübrigt sich die Frage, ob Graffiti Vandalismus oder Kunst sind. Die Räume sind ein Erlebnis.

Wie sehr Graffiti Zeitkritik und leidenschaftliches Plädoyer für Farben und Formen sind, wurde sichtbar, als wir die kleine Garage in der Nähe des Museums entdeckten. Inmitten der nüchternen Bauten blühen hier Bekenntnisse und Ideale.

Liebe, die graue Festungstürme in himmelblaue Farbe taucht. Liebe, die – im Blick auf die Menschen – keine Farben kennt. Liebe, die sich zeigt. Liebe, die anders ist.
Ein Kleinod in einer Straßenecke Neuf-Brisachs. Hier kamen mir Jesu Worte aus der Bergpredigt in den Sinn:

Ihr seid das Licht der Welt (Matth. 5,14).

Jesus hofft auf Menschen, die einer grauen Welt Farbe verleihen. Die Eintönigkeit mit Himmelsblau tränken. Er wünscht sich Geschwister, die Liebe versprühen.
Christen sind Sprayer, ganz legal.

Pfarrer Lothar Schwarz, Rhodt