Tag 472: Dienstag, 29. Juni 2021

Auf den dritten Blick

Tag 472 Dritter Blick

Wenn meine Kinder nicht gesagt hätten, Guck mal, Papa! Eine Schnecke!“, ich hätte die Tür einfach geöffnet, ohne zu merken, dass auf der Klinke eine Schnecke sitzt. Auf den zweiten Blick sehe ich, dass die Schnecke mich anschaut, als ob sie mich fragen wollte: „Nimmst du dir auch wirklich genug Zeit, um wahrzunehmen, was es hier zu erleben gibt?“

Türen sind im Alltag dazu da, geöffnet oder geschlossen zu werden. Diese Tür an der Abteikirche in Otterberg will aber betrachtet werden und mit mir ins Gespräch kommen. Sobald ich das tue, fällt mir (auf den dritten Blick) noch etwas auf: Wenn ich die Tür öffne, umfasst meine Handfläche eine Botschaft, die in die Klinke eingraviert ist: „Mors Porta Vitae“. Übersetzt: Der Tod ist die Tür zum Leben. Daran halte ich mich buchstäblich fest, sobald ich die Tür öffne… Es geht hier wirklich um die Tür! Und die Botschaft der Tür, die ich bei näherer Betrachtung so verstehe: Nimm dir Zeit, die Türen in deinem Leben in Ruhe zu betrachten. Türen sind mehr als nur Alltagsgegenstände. Verschlossene Türen sind Schutz, offene Türen sind Einladungen. Türen, die sich öffnen lassen, sind Chancen. Türen, die sich langsam schließen, sind die Vergänglichkeit. Und diese Tür mit der Schnecke?

Die Schnecke schaut mir zu, wie ich sie langsam öffne. Ich nehme sie wahr, die Tür und die Schnecke, wie sie mich einladen, in die Abteikirche zu gehen. Und ich bin mir sicher, Gott zeigt euch auch die ein oder andere Tür. Und dahinter ist immer Leben – auf den dritten Blick. Wetten?

Pfarrer Stefan Mendling, Annweiler