Tag 494: Mittwoch, 21. Juli 2021

Lieber den Spatz in der Hand …

GTN 21.7

Manchmal kommt uns eine Spätzin besuchen. Sie hüpft durch den Spalt in der Terrassentür, und steht dann bei uns im Wohnzimmer. Mit voller Absicht. Denn die Spätzin haben wir letztes Jahr gefunden und aufgepäppelt. Ihr „Nest“ hatte sie in meinem Arbeitszimmer. Die Kinder haben ihr das Fliegen beigebracht: mit Flugübungen von der Hand (mit hektischem Flattern) in ihren Lieblingsbaum, den kleinen Apfelbaum mitten in unserem Garten. Dort hat sie dann darauf gewartet, dass sie wieder auf unsere Hand hüpfen kann – für die nächste Runde. Meine Kinder haben sie „Ajona“ getauft. Es war Abschiedsschmerz und Freude zugleich, als sie eines Tages vom Apfelbäumchen einfach weiterflog – und sich den anderen Spatzen anschloss. Die Kinder waren zwar traurig, aber auch stolz auf ihre Ajona! Denn sie haben ihr ja das Fliegen beigebracht.
In ihrem Lieblingsbaum hängt seitdem ein Futterspender – täglich frühstücken hier unzählige Spatzen. Jetzt, ein Jahr später, fliegt manchmal eine Spätzin von diesem Baum herunter, setzt sich vor unsere Terrassentür – und, wenn die Terrassentür einen Spalt weit geöffnet ist, hüpft sie zu uns hinein. Ajona sucht den Kontakt zu uns, wartet, bis wir sie bemerken, schaut uns an und hüpft dann zufrieden wieder hinaus. Die Kinder sagen: Vielleicht will sie danke sagen. Vielleicht einfach auch nur: „Wollte mich mal wieder bei euch melden.“ Vielleicht will sie schauen, ob es uns gut geht. Ich weiß nicht, was in unserer Spätzin vorgeht. „Seht die Vögel unter dem Himmel“, sagt Jesus in seiner Bergpredigt. Ich dachte immer, er will sagen: Vögel sind frei – und machen sich keine Sorgen! Denn Gott versorgt sie mit allem, was sie zum Leben brauchen. Sehe ich mir unsere Spätzin an, dann weiß ich: Es steckt mehr dahinter! Vögel wissen offenbar, wer sie versorgt und wer es gut mit ihnen meint. Bringst du einem Spatzen das Fliegen bei, wird er dich nie vergessen! „Seht die Vögel unter dem Himmel“, heißt vielleicht auch: Willst du jemandem beibringen, zu lieben, bring ihm erst das Fliegen bei. Die Liebe kommt dann ganz von allein. Oder, was meint ihr?

Pfarrer Stefan Mendling, Annweiler